Tag 6
Zeitzeugengespräch
Am Samstag trafen wir eine besondere Frau, Monika Goldwasser. Eine beeindruckende Frau. Die Haare zu einem Dutt zusammengesteckt, vor ihr eine große Tasse Tee und auf ihrem Gesicht ein zartes, liebevolles Lächeln.
Sie wurde 1941 in Myślenice geboren. Sie erzählte uns stolz von ihren Eltern Salomea und Adam Goldwasser. Sehr gebildete und wohlhabende Akademiker. Sie erzählte auch von ihrem Großvater, einem sehr angesehenen Anwalt. Sie alle waren Juden und obwohl die ganze Familie von den Nazis und ihren Plänen wusste, dachten sie, sie wären aufgrund ihrer akademischen Laufbahn und ihres Wohlstandes geschützt. 1940 mussten alle, die ein Haus in der Nähe der Wawelburg hatten, egal ob Jude oder nicht, dieses verlassen, so auch Adam und Salomea. Die Familie zog in das Haus des Großvaters in der Nähe von Myślenice. Doch auch hier verlor die Familie rasch die Hoffnung, den Holocaust zu überleben. 1942 wurden die Nachbarn der Goldwassers erschossen, woraufhin Monikas Eltern beschlossen, zumindest ihre kleine Tochter zu retten. Im August 1942 wurde die ganze jüdische Bevölkerung der Stadt nach Skawina deportiert. Außer Monika. Ihre Eltern hatten sie kurz davor einer christlichen Bauernfamilie anvertraut. Sie war damals circa ein Jahre alt. Die Nazis kontrollierten anhand einer Liste, ob kein Jude vergessen wurde. Monikas Abwesenheit fiel nie auf, weil Salomea anstatt ihrer Tochter eine Puppe in ihrem Arm hielt, welche Monikas Kleidung trug. Bis heute weiß die Überlebende nicht mit Sicherheit, ob ihre Eltern am Waldrand von Skawina bei einer Massenerschießung ermordet wurden oder wo anders.
Allein dieser Teil der Geschichte berührte uns zutiefst. Als Neugeborenes kaum Zeit mit der Familie zu verbringen oder als Eltern die kleine Tochter zu verlieren, bricht einem das Herz. Doch es muss jedem bewusst sein, dass die Nationalsozialisten nicht nur physisch Menschen schwer verletzt und getötet hatten, was allein schon schrecklich genug wäre, sondern zu alle dem auch versuchten, jeden Menschen psychisch zu brechen. Die Goldwasser-Familie ist leider ein passendes Beispiel dafür, dass selbst Reichtum, akademischer Erfolg und Fleiß, einen nicht vor den grausamen Verbrechen der Nazis schützen konnte.
Monika war in Sicherheit. Vorerst. Die Bauernfamilie entschied sich jedoch Monika in einem Kloster unterzubringen. Ein Kloster am Stadtrand für polnische, jüdische und ungarische kleine Mädchen. Sie waren ungefähr 30 Waisen. Der direkte Nachbar war die Gestapo, welche regelmäßig kontrollierte, ob unter den Kindern auch Jüdinnen waren. Die Nonnen logen, um die Mädchen zu schützen. Doch das Leben im Kloster war hart. Es fehlte an Essen und wenn den Nazis langweilig war, versteckten sie sich in den Wohnungen, die um das Kloster lagen und schossen aus purem Vergnügen die Nonnen ab, welche mit den Kindern spazieren gingen.
Uns lief ein Schauer über den Rücken, als wir dies hörten.
Eines Tages kam ein Mann in das Kloster und die Nonnen baten ihn, eines der Waisenkinder aufzunehmen. Er meinte jedoch nur, dass er dies mit seiner Frau besprechen müsse und ging. Doch kam er mit seiner Frau wieder. Die Frau sah Monika in der Ecke sitzen und beschloss in diesem Augenblick, sie aufzunehmen. Das Ehepaar sorgte für Monika, obwohl sie die jüdische Herkunft des Mädchens kannte. Die kleine Familie lebte bis zum Ende des Krieges in ständiger Angst, entlarvt zu werden und hielt sich versteckt.
Diese Verstecke besuchte Monika vor nicht all zu langer Zeit und war selbst schockiert, wie klein und dreckig diese waren. Für uns kaum vorstellbar, wie schrecklich es gewesen sein muss, unter ständiger Angst an so hässlichen Orten zu leben.
Nach dem Krieg begann ein neues Kapitel für die Familie. Monika wuchs friedlich auf, ohne ihre eigene Geschichte zu kennen. Erst als Anna, ihre Adoptivmutter, im Sterben lag, erfuhr Monika die ganze Wahrheit. Für die damals circa Zwanzigjährige brach die Welt zusammen. Es ging so weit, dass sie ihre wahre Identität sogar ihrem Ehemann verschwieg.
Eines Tages sah Monika fern. Sie sah eine Frau, die nach ihrer im 2. Weltkrieg verschollenen Familie suchte – das veränderte alles für Monika. Es stellte sich heraus, dass die Frau im Fernsehen tatsächlich Monikas Tante war. Die einzige Überlebende der vielen Schwestern von Salomea. Monika nahm Kontakt mit der in Israel lebenden Tante auf und sie verabredeten sich. Leider starb die Tante in relativ kurzer Zeit nach diesem Treffen. Doch Monikas Interesse war geweckt. Sie wollte wissen, wer ihre Familie war, was geschehen ist und schlussendlich auch, wer sie selbst ist. Sie fand weitere Familienangehörige in den USA und besuchte diese. Sie fand unglaublich viel über sich selbst heraus und teilt seitdem ihre Geschichte mit so vielen auf dieser Welt.
Ihr liegt es sehr am Herzen, uns jungen Menschen mitzugeben, wie grausam der Holocaust und der Krieg waren, damit wir uns unserer Verantwortung bewusst sind, dass ein solches Verbrechen nie wieder geschehen darf.