Tag 4
Auschwitz-Birkenau
Am vierten Tag ging es für uns um acht Uhr los. Zuerst wurden Kreppel verteilt, die in Polen traditionell vor der Fastenzeit gegessen werden. Danach kam der harte Bruch mit der Gegen-wart. Mit dem Bus fuhren wir etwa anderthalb Stunden nach Oświęcim, wo wir – wie bereits am Vortag – ein Konzentrations- und Vernichtungslager besuchten. Bei unserer Ankunft in Auschwitz-Birkenau erblickten wir sofort den bekannten Eingang mit dem markanten Turm, durch dessen Tor Schienen führen. Die Atmosphäre war angespannt: Wir standen an dem Ort, von dem für so viele Menschen der Weg in eine grausame und ungewisse Zukunft führte.
Wir wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, dann starteten um zehn Uhr die Führungen. Uns wurde die Geschichte des Lagers erklärt: Seine Entstehung 1940, die Entwicklung zu einem der größten Vernichtungslager während der NS-Zeit und die Lebensbedingungen der Häftlinge.
Wir starteten mit den Baracken. Viele waren leer und noch original erhalten, andere wurden restauriert. In den ehemaligen Schlafräumen, wo dutzende Menschen auf engstem Raum untergebracht waren, oftmals bis zu acht Leute pro Bett, bekam man einen Eindruck, wie hart das Leben hier gewesen sein musste. In einer Baracke war ein ehemaliger Waschraum zu sehen. In der Mitte des Raums standen einfache Plumpsklos, welche für die enorme Anzahl von Menschen in der gewährten, kurzen Zeit bei weitem nicht ausreichten.
Anschließend begaben wir uns zu der Stelle, an der die Häftlinge, vor allem Juden, mit den Zügen ankamen. Die Menschen waren bei Ihrer Ankunft oft müde und erschöpft, da sie lange Anreisen unter unmenschlichen Bedingungen hinter sich hatten. Unser Guide erzählte uns, dass die Menschen oftmals so eng zusammengepfercht wurden, dass sie sich gegenseitig erdrückten. Sie fuhren mehrere Tage, ohne zu schlafen und zu essen. Oftmals fiel erst beim Eintreffen und Aussteigen auf, dass viele Körper leblos waren und nur noch von den anderen aufrecht gehalten wurden.
Angekommen mussten sich alle Häftlinge in einer Reihe aufstellen und wurden selektiert. Alte, Kranke und Kinder wurden, im Unwissen über ihr kommendes Schicksal, direkt für die Gaskammern ausgesondert. Auch Mütter, die kleine Kinder hatten, wurden direkt fortgeschafft, um Konflikte und Unruhe zu vermeiden. Es wurde erzählt, dass die Häftlinge, die beim Empfang halfen, Kindern sagten, sie sollen lügen und ein älteres Alter angeben, um sie zu schützen. Des Weiteren wurden auch Zwillinge gesondert weggebracht, da an ihnen Experimente durch-geführt wurden.
Vom Bahnsteig gingen wir einen sehr schlammigen Weg entlang, gesäumt von Stacheldraht und Wachtürmen, direkt an unzähligen Barracken vorbei. Insgesamt war das Lager in vier Sektionen unterteilt und sollte sogar noch erweitert werden. Wir liefen zwischen zwei Sektionen entlang.
Die Erinnerung an diesen Schlamm bedeckten Weg, in dem wir tief mit unseren Schuhen ein-sanken, wird auch für eine unseren Guide ein unauslöschliches Erlebnis bleiben. Sie erwähnte es später bei der Aufarbeitung des Rundgangs und teilte uns ihre Gedanken mit. Hierbei re-flektierte sie, wie unbedeutend unser „Schlammproblem“ im Vergleich zu den tatsächlichen Leiden der Häftlinge war, die hier sogar ihre Schuhe verloren und aufgrund der nachdrängen-den Menschen nicht zurückholen konnten. Für uns hingegen war es die einzige Gelegenheit an diesem Ort kurz abzuschalten, da man sich zunehmend auf seinen eigenen Weg und seine Mitmenschen konzentrieren musste. Die restliche Zeit waren wir angespannt und voller Entsetzten über das, was uns berichtete wurde. Die Beziehung zwischen Israelis und Deutschen war spürbar respektvoll. Dennoch berichteten manche Israelis später, dass sie sich mit den Deutschen an diesem Ort zusammen unwohl gefühlt hatten, da sie nicht wussten, wie wir Deutschen zu dem Geschehenen stehen.
Unser nächstes Ziel war die „Zentralsauna“. Das Gebäude mit diesem Namen diente im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau dazu, die Häftlinge nach ihrer Ankunft zu entkleiden, zu desinfizieren und zu waschen, ihnen die Haare abzuschneiden und sie anhand einer Nummer, die ihnen dort tätowiert wurde, für das Lagerleben zu registrieren. Die kargen Räume und der nüchterne Aufbau ließen die systematische Organisation und die Enge des Alltags erahnen. Es ist wichtig, noch einmal klarzustellen, dass die Menschen in diesem Prozess einer totalen Entwürdigung und Depersonalisierung unterlagen. Alle diese Schritte wurden auf grausamste Art und Weise ausgeführt. Beispielsweise mussten Sie lange nackt stehend trocknen und wurden immer wieder verprügelt.
Auf dem Weg zur „Zentralsauna“ gelangten wir auch zu den Ruinen der Gaskammern und Krematorien. Wir konnten die Überreste sehen, welche die Zeichen von Zerstörung und Verfall trugen. Unsere Guides erläuterten die Funktion der Gebäude und schilderten die Abläufe. Ihre Darstellung machte erneut deutlich, wie planmäßig, systematisch und empathielos hier gearbeitet wurde. Zudem wurde uns auch über den bewaffneten Widerstand jüdischer Häftlinge am 07. Oktober 1944 erzählt. Sie waren gezwungen als Sonderkommando in den Krematorien und Gaskammern zu arbeiten und leisteten Widerstand gegen ihre bevorstehende Liquidierung. Hierbei gelang es den Häftlingen vor ihrer Ermordung, das Krematorium IV durch einen Brand weitgehend zu zerstören.
Nach dem Rundgang fanden wir uns alle an einem Denkmal ein. Unsere israelischen Mitschüler hielten dort eine Gedenkfeier ab. Es wurde gesungen, und es wurden unterschiedliche, wissenswerte Geschichten geteilt. Besonders berührend war die Geschichte eines Schülers, der die aufgeschriebenen Erinnerungen seiner Uroma, die nach Auschwitz deportiert wurde, vorlas. Viele waren tief ergriffen und diese Emotionalität hielt noch lange an.
Zurück in Krakau hatten wir den Rest des Tages zur freien Verfügung. Trotz oder gerade wegen der tiefbewegenden Eindrücke, nutzten einige die Zeit für Sightseeing, während andere shoppen gingen oder in ein typisches polnisches Restaurant besuchten. Am Abend trafen sich noch einige der Schüler in der Innenstadt von Krakau, bevor alle den Abend im Hostel ausklingen ließen.
Rückblickend lässt sich festhalten, dass wir uns immer wieder ins Bewusstsein rufen sollten, wie beschützt wir leben und welche Privilegien wir täglich erfahren. Wir vergessen zu oft, dass unserer heutigen Probleme oftmals nur trivial sind im Gegensatz zu dem, was Menschen früher erleben mussten. Wir, als Teilnehmer dieses Austauschs, haben viel gelernt, aber selbst, wenn wir dieses Lager mit unseren eigenen Augen gesehen und die Geschichten dazu mit unseren eigenen Ohren gehört haben, bleibt diese menschliche Grausamkeit unvorstellbar und auch die Geschehnisse, die sich dort abspielten, sind nicht nachzuempfinden. Wir haben erneut erkannt, wie wichtig es ist, dass dieser Teil unserer Geschichte niemals in Vergessenheit geraten darf und, dass wir alle Verantwortung tragen, dagegen anzukämpfen.