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Tag 3

Stammlager Auschwitz

Die Busfahrt nach Auschwitz war von Anfang an anders. Es war für viele von uns das erste Mal dort, der erste Tag – und das hat man gemerkt. Wir haben uns im Bus unterhalten, aber die Gespräche waren anders als sonst. Vieles drehte sich um unsere Erwartungen: Wie wird es sein? Aber auch immer noch über ganz normale Dinge, wie was wir gefrühstückt haben. Man hat gemerkt, dass jeder versucht hat, sich irgendwie darauf einzustellen, auch wenn eigentlich allen klar war, dass das kaum möglich ist.

Das erste Bild, das viele von Auschwitz im Kopf haben, ist der Schriftzug „Arbeit macht frei“. Genau davor zu stehen, war ein Moment, der sich kaum beschreiben lässt. Es war plötzlich real. Nicht mehr nur ein Bild aus dem Internet oder aus dem Unterricht, sondern direkt vor uns. Greifbar. Nah. Und genau das machte es so erschreckend.

Der Gedanke, dass Menschen diesen Satz gesehen und vielleicht sogar geglaubt haben, ist kaum auszuhalten. Dass sie erst nach und nach verstanden haben, was wirklich passiert, hat mich sehr beschäftigt.

Die Gebäude wirkten auf den ersten Blick fast harmlos, fast normal. Doch gleichzeitig lag eine düstere, bedrückende Stimmung über der Gruppe.

Als wir innerhalb der Zäune standen, wurde erst richtig klar, wie riesig alles ist. Ich habe mir immer wieder durch den Kopf gehen lassen, dass an fast jeder Stelle, an der wir standen, Menschen gestorben sind. Und selbst wenn sie nicht körperlich gestorben sind, dann sind sie dort mental und psychisch zerbrochen und somit innerlich gestorben.

Dass die Menschen dort systematisch benutzt wurden, wurde vielen wahrscheinlich erst nach und nach bewusst. Das hat man auch später im Museum gesehen, da Menschen mit Koffern, mit persönlichen Dingen, manche sogar Sonnenbrillen tragend, kamen. Kaum einer hat geweint. Viele wussten einfach nicht, was sie erwartet.

Gleichzeitig kam bei mir auch die Frage nach Schuld auf. Der Gedanke, dass meine eigenen Urgroßeltern dieses System unterstützt haben, war schwer zu begreifen und sehr belastend. Gleichzeitig machten mir die Israelis klar, dass ich dafür nichts könne, aber mir wurde auch klar, dass ich dafür verantwortlich bin, dass es nicht wieder passiert.

Während der Führung gingen wir durch mehrere Gebäude und sahen, unter welchen Bedingungen die Menschen dort überleben mussten – ganz bewusst nicht leben, sondern wirklich nur existieren. Sie waren am absoluten Existenzminimum. Es stellt mir bis heute immer wieder die Frage: Wie haben manche Menschen es so lange überlebt und wie haben sie es mental geschafft, sich nicht selbst das Leben zu nehmen?

Wir erfuhren, wie wenig Essen es gab und dass es bei weitem nicht ausgereicht hat. Hunger war immer da, wodurch alle Opfer magersüchtig wurden und körperlich keine Energie mehr haben konnten. Mit jedem Raum, den wir betraten, wurde die Stimmung bedrückender.

Mit der Zeit verstand man immer besser, wie extrem die Situation damals war und gleichzeitig wurde sie immer unvorstellbarer.

Ein Moment, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war, als einer der israelischen Schüler eine israelische Flagge um sich trug. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe mich gefragt, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass es zu einer so extremen Ausgrenzung von Juden kam. Oder von anderen religiösen Ansichten.

Gleichzeitig wurde mir klar, wie viel Verantwortung ich selbst trage: andere Menschen nicht zu verurteilen, keine Vorurteile zu haben und jeden als das zu sehen, was er ist – ein Mensch, genau wie wir alle.

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In einem Gebäude stand ein Zitat, das mich besonders berührt hat:

„Remember only that I was innocent
and, just like you, mortal on that day,
I, too, had a face
marked by rage, by pity and joy,
quite simply, a human face!“

Benjamin Fondane, ermordet in Auschwitz-Birkenau, 1944

Dieses Zitat hat für mich alles noch einmal auf den Punkt gebracht. Es zeigt, dass die Opfer Menschen waren mit Gefühlen, mit einem Leben, mit einer Identität.

Ich glaube, genau daran müssen wir uns immer wieder erinnern, wenn wir jemanden sehen und Vorurteile haben oder Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder ihres Aussehens bewerten.

Am Ende der Führung standen wir vor einem riesigen Buch mit hunderten Seiten – jede Seite so groß wie ein Mensch. Und jede Seite war gefüllt mit Namen. Namen von Opfern. Opfer eines Verbrechens, das noch Generationen überdauern wird und uns immer wieder daran erinnern muss, wie wichtig Respekt und Nächstenliebe ist.

Viele der israelischen Teilnehmenden fanden in diesem Buch Namen von Verwandten, die ermordet wurden.

Trotz dieser Situation konnte ich in diesem Moment auch einen besseren Kontakt zu einigen von ihnen aufbauen. Wir standen zu dritt zusammen und haben uns darüber ausgetauscht, wie extrem und unvorstellbar das alles ist.

Gemeinsam haben wir eine Minute geschwiegen als Zeichen des Respekts für die etwa 11 Millionen Menschen, die ermordet wurden.

Wenn man für jeden dieser Menschen eine Minute schweigen würde, wären das 20 Jahre, 11 Monate und 3 Tage. Oder 7.638 Tage. Diese Zahl hat noch einmal gezeigt, welche Dimension dieses Verbrechen hat.

Auf der Rückfahrt war die Stimmung wieder anders. Es wurde mehr gesprochen als am Morgen. Viele tauschten sich über ihre Eindrücke aus, darüber, was sie gesehen und vor allem, was sie gefühlt haben.

Trotzdem war da noch eine gewisse Distanz zwischen uns und den israelischen Teilnehmenden. Ein komisches Gefühl blieb – der Gedanke, dass vielleicht mein Urgroßvater Teil des Systems war, das die Vorfahren anderer hier im Bus ermordet hat.

Dieser Gedanke war schwer auszuhalten und gleichzeitig wichtig, um zu verstehen, welche Verantwortung Geschichte auch heute noch für uns hat.

Am Abend kamen die deutschen und israelischen Schüler nochmal in kleineren Gruppen in der Stadt dazu, sich über den Tag zu unterhalten, da man es über den Tag hin besser verarbeiten konnte. Man hat deutlich gemerkt, dass die Stimmung wieder besser wurde und jeder ein Gefühl bekam, was am nächsten Tag auf einen zukommt. Außerdem hatte man das Gefühl, dass man es als Gruppe zusammen schafft. Schafft, es nachzuvollziehen, was geschehen ist. Schafft, es zu verstehen, wie man es in Zukunft verhindern kann.

Leon K.